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Matthias, Apostel der Treue

Predigt zum Fest der Apostelwahl 07.05.2005

Von Br. Johannes Lütticken OSB

 
 
 
Matthias - Apostel der Treue
 
 
 

 

Wir nennen Matthias den Apostel der Treue. Das erinnert daran, dass er an die Stelle des treulosen Judas getreten ist. Und stellt ihn gegenüber diesem Verräter Jesu in ein positives Licht. Das kann man ungefragt so stehen lassen, wenn es einem genügt, dass es in dieser Welt klare Unterscheidungen gibt zwischen Treuen und Treulosen, zwischen Gerechten und Ungerechten. Das genügt einem normalerweise solange, wie man sich selbst mit zu den Treuen zählt und die Untreuen immer die anderen sind. Auf die kann man dann getrost mit dem Finger zeigen und sie verabscheuen.

Wer so denkt, für den sind Glaube und Kirche überhaupt nur dazu da, klarzustellen, was Recht und Unrecht ist bzw. wer im Recht oder im Unrecht ist. Natürlich stellt die Kirche sich für solche Geister dabei immer selbst ins Recht und die andern ins Unrecht. Und sich selbst zählen sie zu den Treuen, zu den guten Katholiken.

Dabei liegt das eigentlich Dramatische in der Figur des Judas doch darin, dass er für die Apostel „einer von uns“ gewesen ist, nicht besser und nicht schlechter als alle anderen. Sie alle fragten Jesus, als er ihnen beim letzten Abendmahl den Verrat voraussagte: „Bin ich es, Herr“? So sicher waren sie sich ihrer Treue gar nicht. Und Petrus, der freilich meinte, sich seiner Treue sicher sein zu können, gerade er machte mit sich selber die Erfahrung, Jesus dreimal zu verleugnen. Wie treu war eigentlich Matthias in dieser Stunde der Finsternis. Es heißt: „Da verließen ihn alle seine Jünger und flogen.“ War Matthias auch dabei?

Wenn Matthias sich mit den Aposteln und den übrigen Jüngern nach dem Karfreitag von neuem zusammenschloss, dann, weil der Auferstandene selbst sie durch seine Erscheinungen wieder einsammelte und aufrichtete. Treu war Matthias und waren sie alle über den Tod Jesu hinaus – im Unterschied zu Judas - nur darum, weil Jesus ihnen als der Auferstandene die Treue bewahrte. „Ich werde euch wieder sehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.“ – sagt er den Seinen am letzten Abend (Joh). Und so heißt es dann etwas später, am Abend des Ostertages (Joh 20,29): „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“

Apostel der Treue ist Matthias also nicht in dem Sinn, dass er aus eigener Kraft und Tugend über den Karfreitag hinaus Jesus die Treue hielt, sondern in dem Sinn, dass er durch seine Treue Zeugnis gibt für die Treue des Auferstandenen zu den Seinen. So liegt in seiner Treue in erster Linie nicht ein Beispiel heroischer Tugend, an dem wir uns messen lassen müssen, sondern eine Verheißung: auch wir dürfen uns von dieser Treue des Auferstandenen zu den Seinen getragen wissen in unseren Ängsten und Gebrochenheiten. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass er uns trotz all unserer Schwäche durch seine immer neue Zuwendung in der Treue zu ihm bewahrt.

 

 
 
 
Liegende Matthiasfigur

 

Vollbild

 
 
 

Als treu erweist sich der Auferstandene den Seinen gegenüber aber auch in einem anderen Sinn: Indem er durch die Wahl des Apostels Matthias die Lücke schließt, die Judas hinterlassen hatte, macht er von sich aus wieder gut, was menschliche Schuld an Schaden angerichtet hat. Auch darin liegt eine Verheißung: Der Auferstandene lässt die Kirche mit den verheerenden Folgen der Untreue und Schuld ihrer Glieder nicht allein. Immer wieder beruft er neue Jünger, die allein schon durch ihr treues Dabeisein gut machen, was andere zerstört haben. So gibt er seiner Kirche die Kraft zu immer neuer Verjüngung und Reform. Die ökumenische Hoffnung der Kirchen ruht auf dieser heilenden, gutmachenden Treue ihres Herrn.

 

Wie aber steht es nun um Judas in all seiner Treulosigkeit – was bleibt für ihn außer dem Wehruf Jesu, es wäre besser für ihn, wenn er nicht geboren wäre? Muss es nicht als Ausdruck seiner Verurteilung gewertet werden, wenn ein anderer, der treu geblieben ist (wenn auch nicht aus eigener Kraft), an die Stelle des Judas tritt und sein Amt übernimmt? Aber man kann auch die Gegenfrage stellen: Kann es nicht zu Gunsten des Judas geschehen, wenn durch die Wahl des Matthias der Schaden, den er der Kirche gestiftet hat, aufgefangen und gewendet wird? Für Paulus liegt gerade darin die zentrale Botschaft des Evangeliums: dass Gott sich uns gegenüber als treu erweist gerade da, wo wir treulos geworden sind. Gottes Treue führt nicht zur Verurteilung unserer Treulosigkeit, er erweist sich uns gegenüber als treu, indem er uns unsere Untreue vergibt. Wie sollte dies für Judas nicht gelten? Wenn nicht für ihn, wieso dann für uns?

So gesehen setzt Matthias Judas nicht ins Unrecht, er macht vielmehr dessen Untreue durch seine Treue wieder gut. Und dies wäre überhaupt der Sinn all dessen, was der Gott des Erbarmens in den schwachen Herzen seiner Gläubigen und in der Gemeinschaft der Kirche an Gutem wirkt: es setzt niemanden ins Unrecht, sondern fängt den durch Menschenschuld gestifteten Schaden auf, macht ihn von sich aus gut und spricht den Schuldigen gerecht. Dieser braucht seinerseits nichts dazu zu tun – er braucht sich dem einfach nur glaubend und vertrauensvoll zu öffnen. Wie Paulus selbst es – auf dem Weg nach Damaskus von der vergebenden Liebe des Auferstandenen überwältigt – getan hat.

Matthias, Apostel der Treue – er steht für die Treue Jesu Christi selbst: dafür, dass der Gekreuzigte und Auferstandene sich uns vergebend zuwendet gerade da, wo wir ihm untreu waren und ihn verraten haben; dass er alles gut macht, was wir durch unsere Untreue an Schaden verursacht haben, und uns von sich aus auch durch Stunden der Finsternis, der Gebrochenheit und Schwäche hindurch in der Treue zu ihm bewahrt.

 
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